13. April 2001 - Thüringer Landeszeitung / "Die Jesus-Rolle bringt neue Nachdenklichkeit"

Jürgen Hagedorn: Man wird bewusster im Umgang mit anderen Menschen

Von Hartmut Kaczmarek

Küllstedt. (tlz) Kann eine Rolle in einem Passionsspiel einen Menschen verändern? Jürgen Hagedorn schweigt einen Moment, wird nachdenklich. „Ja, der Mensch verändert sich,“ sagt er dann. „Die Rolle macht nachdenklich.“ Jürgen Hagedorn hat vier Mal in dem Eichsfeld-Ort Küllstedt Jesus gespielt, hat sich in die Rolle hineingekniet, hat viel gelesen, sich mit der biblischen Geschichte vom Leiden und Sterben des Herrn auseinandergesetzt.

 

Weiterlesen: Vier Mal wurde die Passion in der Küllstedter Kirche aufgeführt, vier Passionen, die den Zuschauern unter die Haut gegangen sind.
„Man merkt die Veränderungen an den kleinen Sachen, man wird nachdenklicher, man wird bewusster im Umgang mit anderen Menschen“, bemüht sich Hagedorn, ein wenig in sich hineinzuhorchen. Und dann blickt er zurück. „Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich die Rolle übernehmen soll“, sagt er. Vor fünf Jahren hat er Jesus schon einmal gespielt. Aber obwohl er wusste, was auf ihn zukommt, obwohl er die Rolle schon einmal bewältigt hat, hat er erneut mit sich gerungen.
Küllstedt im Eichsfeld ist der einzige Passionsspielort in Ostdeutschland. Nein, Küllstedt ist nicht dabei, ein ostdeutsches Oberammergau zu werden. Die Passionsspiele sind kein Spektakel, sie sind Ausdruck und Zeugnis des Glaubens in dem Ort. „Es wird für den Ort gemacht“, sagt auch Jürgen Hagedorn. Deshalb will man auch keinen Automatismus in den Aufführungs-Rhythmus hineinbringen. „Das wäre nicht gut“,  ist Hagedorn überzeugt.

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Die Passionsspiele von Küllstedt sind eine Gesamtleistung. Deshalb wehrt sich Hagedorn auch ein wenig, immer wieder herausgestellt zu werden. „Nein, wir habe alle zum Erfolg beigetragen“, sagt er. Und er ist sicher, von diesen Passionsspielen sind auch geistige Impulse für den Ort und darüber hinaus ausgegangen. „Je mehr wir uns hineingekniet haben in die Probenarbeiten, umso ernsthafter haben wir uns auch mit der Thematik auseinandergesetzt.“
Jürgen Hagedorn sitzt, während er das alles erzählt, an seinem Arbeitsplatz im Jugendhaus „Arche“ in Holungen. Hier kümmert er sich um so genannte Schulverweigerer, junge Menschen, die nicht mehr zur Schule gehen. Von  seinen Schülern haben viele überhaupt nicht mitbekommen, dass Jürgen Hagedorn die zentrale Figur der Passionsspiele in Küllstedt war. „Die meisten leben in ihrer eigenen Welt“, sagt Hagedorn. Das soziale Umfeld, aus dem die Mädchen und Jungen kommen, ist kompliziert.
Schulverweigerung ist ein Symptom einer persönlichen Krise, dem die unterschiedlichsten Ursachen zugrunde liegen:  Das können Probleme im Elternhaus sein, das können Defizite in der Persönlichkeitsstruktur sein oder Schwierigkeiten in der Schule. Wenn junge Menschen die Schule „kündigen“, dann reagieren sie damit häufig auf Situationen, die ihnen ausweglos erscheinen und über die sie mit kaum jemandem reden können. Sie vergessen dabei aber, dass die Folgen der Schulverweigerung häufig genug gravierend sind. Denn die Integration in die Arbeitswelt und damit auch der Weg in die Selbständigkeit wird so oft verbaut.
Die Mitarbeiter in der „Arche“ brauchen viel Fingerspitzengefühl, um das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. „Lebensfragen gehen dabei vor Lernfragen“ umreißt Hagedorn das Konzept. Das Gefühl des „Hier kannst Du bleiben, hier wirst Du in Ruhe gelassen“ soll ihnen vermittelt werden.
Und ganz langsam werden die Jugendlichen auch wieder an das Lernen herangeführt. „Wichtig ist, sie spüren zu lassen, dass sie am richtigen Platz sind“, so Hagedorn. Sein Beruf ist für ihn auch Berufung.

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